Schwimmende Architektur

Wenn der Eisenbeton, wie doch von vielen Seiten auch von der staatlichen Materialprüfungskommission — öfters erklärt wurde, tatsächlich vom Wasser nicht angegriffen werden kann, so ist der Eisenbeton imstande, schiffartig die größten Bauten zu tragen.
Und wir können ganz im Ernste von einer schwimmenden Architektur reden. Für diese gilt natürlich alles das, was .. vom neuen Venedig gesagt worden ist.
Die Gebäude lassen sich natürlich immer wieder anders zusammensetzen oder voneinanderschieben, so daß jede schwimmende Stadt alle Tage anders aussehen könnte.
Die schwimmende Stadt kann in größeren Seegebieten herumschwimmen. Aber sie könnte vielleicht auch im Meer herumschwimmen.
Das klingt sehr phantastisch und utopisch, ist es aber ganz und gar nicht, wenn der Eisenbeton als unverwüstlicher Schiffskörper die Architektur trägt. Boote — unverwüstliche — aus Eisenbeton sind bereits .. hergestellt. Das ist eine Tatsache.
Immer wieder müssen wir uns daran gewöhnen, daß neue Baumaterialien, wenn sie wirklich von unerreichter Festigkeit und Rostfreiheit sind, die ganze irdische Architektur in neue Bahnen bringen können…

 

Paul Scheerbart 1, Glasarchitektur, Kapitel 58, Berlin 1914

1                              Paul Scheerbart wurde 1863 in Danzig geboren. Ab 1887 lebte er als Dichter in Berlin und versuchte, das Perpetuum mobile zu erfinden. 1914 veröffentlichte er die Texte ´Glasarchitektur´, bestehend aus 111 Kapiteln. Scheerbarts phantasievolle Aufsätze beeinflussten die damaligen jungen Architekten wie Bruno Taut, aber auch Walter Benjamins Passagenwerk.